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Mein (Irr)Weg durch die Co-Abhängigkeit zum Ich

gewitmet meiner am 24. Januar 2005 verstorbenen Ehefrau
(in der vom Autor ele im Februar.2004 überarbeiteten Fassung)

Präambel

Trotzdem ich im Bekannten- und Freundeskreis nie verheimlicht habe, dass ich eine alkoholkranke Ehefrau hatte, benutze ich für diese Homepage lieber ein Pseudonym, wohl wissend um das Risiko des allgemeinen Zugriffs im Internet, auch wenn ich annehme, dass jede Form der Verschleierung die Aussagekraft und Glaubwürdigkeit meines Berichtes mindern könnte.
 
 

Unsichere Befürchtungen

Als ich gerade eine bitterliche Ehescheidung hinter mir hatte und seit zwei Jahren wieder als Single leben musste, lernte ich Ende 1981 (damals 44 Jahre jung) bei der Gründung eines neuen Folklore-Clubs eine sympathische junge Frau kennen. Im folgenden gebe ich ihr das Pseudonym Pucki (nach der Titelfigur einer in ihrer Jugend beliebten Buchreihe für Mädchen). Ein halbes Jahr später (Mitte 1982) erfuhr ich von ihr, dass sie Eheprobleme hatte und sich ebenfalls von ihrem Mann trennen wollte. Aufgrund meiner eigenen negativen Erfahrungen versuchte ich in langen Gesprächen bei heimlichen nächtlichen Treffen, Pucki dies Vorhaben auszureden. Ich riet ihr immer wieder, sich insbesondere im Interesse ihrer drei Kinder (damals 6, 8 und 9 Jahre alt) mit ihrem Ehemann zu arrangieren, auch wenn die "große Liebe" längst erloschen schien. Bei diesen Treffen kamen wir uns menschlich sehr nahe. Dass daraus eine tiefe Zuneigung entstand, erkannte ich erst einige Zeit später.

Bei einem gemeinsamen Ausflug in einen Freizeitpark spürte ich plötzlich an jeder Hand einen ihrer Sprösslinge und alle drei Kinder tief in meinem Herzen. Sofort war mir klar, dass die sich nach einem "richtigen" Vater sehnten und mich brauchten. Da auch aus der Beziehung zwischen der Mutter dieser drei und mir still und leise eine untrennbare Partnerschaft geworden war, wurden spätestens jetzt die Weichen für eine neue Familie gestellt. Ende 1982 zogen wir in eine gemeinsame Wohnung.

Schon bei unseren ersten Treffen (meist in Gaststätten) und auch später hatte Pucki immer wieder sehr viel Alkohol getrunken. Ich führte dies auf ihren seelischen Stress wegen der zerbrochenen Ehe und den Ärger beim nun folgenden Scheidungsverfahren zurück. Später sah ich alles nur noch durch die berühmte "rosarote Brille". Warnungen von Verwandten schlug ich in den Wind.

Pucki wurde im Mai 1984 rechtskräftig geschieden. Schon vier Wochen danach heirateten wir. Ihre drei Kinder adoptierte ich aufgrund von Schwierigkeiten mit den zuständigen Behörden erst zwei Jahre später.

Nachdem der durch Puckis Scheidungsverfahren entstandene psychische Druck endlich gewichen war und sich unser Familienleben langsam zu normalisieren schien, glaubte ich, dass auch der Alkoholkonsum meiner Frau sich wieder auf ein "normales" Maß reduzieren würde. Doch das Gegenteil trat ein. Im Schutz des neuen Familienverbundes hatte sie nun die Möglichkeit, zu trinken ohne selbst für die Folgen verantwortlich sein zu müssen.

Bei den häufigen (anfangs gemeinsamen) Besuchen in der "Kneipe um die Ecke" wurde es zur Regel, dass sie ihr drittes Glas Bier serviert bekam, wenn ich mein erstes gerade leer hatte. Sie bestellte dann sofort ihr viertes mit dem Argument, dass der Wirt bei Pils doch sieben Minuten zum einschenken brauchte. Bald kamen auch diverse "Kurze" dazu. Immer häufiger blieb ich lieber zuhause, weil ich mich um unsere Kinder und den Haushalt kümmern musste. Wenn mein Schatz unbedingt mit dem Hund Gassi gehen wollte, war klar wohin. Oft fand dann das arme Tier alleine den Weg nachhause, weil es sich in der Kneipe langweilte.

Unbewältigte schlimme Erfahrungen aus Puckis Kinder- und Jugendzeit tauchten wie Gespenster aus dem Nebel ihrer Vergangenheit auf. Alle Versuche, diese Probleme und am besten gleich sich selber im Alkohol zu ersäufen, schlugen jedesmal (auch wegen meiner Wachsamkeit) fehl. Den Unmut darüber bekamen mehr und mehr die Kinder und der neue Ehemann zu spüren. Sie alle fühlten sich schuldig und wussten nicht recht warum. Meine Frau hatte längst begonnen heimlich zu trinken und Schnapsflaschen zu verstecken. Meine Befürchtung, dass aus der anfänglichen Alkohol-Gefährdung eine Abhängigkeit werden könnte, wurde allmählich zur Gewissheit. Der Strohhalm der Hoffnung auf Besserung, an den ich mich anfangs klammerte, wurde immer dünner.

Ich wollte helfen und war selbst hilflos. Das machte mich elend und letztlich sogar krank. Pucki entdeckte im Herbst 1986 beim Schmusen einen merkwürdigen Knoten in meiner rechten Schulter, der im Krankenhaus operativ entfernt wurde und sich dabei als bösartig entpuppte (Lymphknoten-Krebs). Ob diese Erkrankung auch psychische Ursachen hatte, ist denkbar aber nicht zu beweisen. Jedenfalls machte ich mir damals mehr Sorgen um die Auswirkungen meiner "Schwäche" auf das Wohlergehen meiner alkoholabhängigen Ehefrau als um meine eigene Gesundheit. Gegen meinen Krebs konnte ich kämpfen, gegen die Sucht meiner Frau wusste ich kein Mittel.

Die anschließende ambulante Strahlentherapie dauerte bis Ostern 1987. Zur Milderung der Nebenwirkungen der Strahlenbelastung empfahl der Arzt mir, gelegentlich einen Cognac zu trinken. Also stellte ich mir eine Flasche ins Barfach des Wohnzimmerschrankes. Als ich aber wirklich diese Medizin brauchte, war - oh Wunder - der Inhalt der Flasche leider verdunstet.

Im Sommer 1987 sowie im Herbst 1988 und 1989 genoss ich jeweils eine vierwöchige stationäre Nachbehandlung in einer Kurklinik im Sauerland. Hier erholte ich mich nicht nur körperlich und psychisch wunderbar, sondern lernte auch die Vorzüge einer räumlichen Trennung von meiner Frau kennen.

Im September 1988 machte ich bei einem Berufsbildungsseminar zufällig die Bekanntschaft einer Mitarbeiterin der städtischen Suchtkrankenhilfe, die noch dazu für unseren Wohnbezirk zuständig war. In der Mittagspause kam es zu einem zwanglosen aber informativen Gespräch, bei dem ich jedoch noch nichts über meine eigenen Probleme erwähnte.

Einige Tage später hatte Pucki ein Schlüsselerlebnis, das sie mir wie folgt mehr oder weniger glaubhaft schilderte:
Sie hatte sich wohl im Selbstbedienungsladen in der Nachbarschaft mehrere "Flachmänner" mit Weinbrand gekauft und zuhause ausgetrunken. Eine dieser Flaschen hatte sie jedoch in der Einkaufstasche übersehen. Als sie später wieder mit dieser Tasche in den Laden ging, um Lebensmittel zu kaufen, lungerte sie lange vor dem Regal mit den Spirituosen herum. In ihrem Inneren kämpfte die Verlockung mit dem schlechten Gewissen, doch sie blieb stark (sagte sie später). Die Verkäuferin an der Kasse hatte ihr seltsames Verhalten beobachtet. Sie verlangte eine Taschenkontrolle und fand tatsächlich den angeblich vergessenen Flachmann. Als erwischte Ladendiebin erhielt Pucki Hausverbot und zur Vermeidung einer Anzeige durch den Ladenbesitzer durfte sie einen ansehnlichen Geldbetrag zahlen (eine Buße, die ausschließlich mein unschuldiges Portemonnaie traf). Aber solche Nachrichten verbreiten sich bekanntlich schnell in einer Stadtrand-Siedlung.

Meiner Frau war dieses schlimme Erlebnis so peinlich, dass sie zu einem von mir vermittelten Gespräch mit der netten Dame von der Suchtberatung einverstanden war. Dies war der erste Schritt im Kampf gegen den "Geist in der Flasche". Für mich gab es nun einen neuen, festeren Strohhalm der Hoffnung, an den ich mich klammern konnte.
 
 

Der Flaschengeist als "Nebenbuhler"

An den folgenden Beratungsgesprächen nahm ich nur selten teil. Ich merkte schnell, dass ich als lästiger Angehöriger dabei unerwünscht war. Im Regelfall ist wohl der Partner an allem schuld. Mir wurde endgültig klar, dass der übermäßige Alkoholkonsum meiner Frau schon längst zu einer krankmachenden Abhängigkeit geworden war. Sie aber verdrängte diese Tatsache noch und warf mir vor, ich wolle sie zur "Säuferin" abstempeln. Die folgenden Schritte machte sie nur, wie sie mir später gestand, um mich nicht zu verlieren. Immer deutlicher spürte ich, wie durch den Alkohol unsere Beziehung und unsere Familienbande zerstört wurden. Ich begann, das Zeug zu hassen und zu bekämpfen. Ich redete mir ein, dass meine bedauernswerte Frau ja nichts dafür konnte. Es war der "Geist in der Flasche", der unsere Ehe zerstörte. Diesen Nebenbuhler musste ich zerstören, wo ich ihn fand. Aber je intensiver ich suchte und Flaschen auskippte, je raffinierter wurden die Verstecke (z.B. Sofaritze, Wäscheschrank, Bodenvase, Stiefelschaft). Wenn dann der teure Sprit in den Ausguss plätscherte, bekam ich Bauchschmerzen, weil ich dabei an mein leeres Portemonnaie dachte.

Einmal war ich  total mit den Nerven am Ende. Ich konnte und wollte diesen "Selbstmord auf Raten" nicht mehr ertragen. Da holte ich einen ganzen Karton mit sechs Flaschen Billig-Weinbrand von Aldi und knallte ihn ihr vor die Nase mit dem Hintergedanken: "So, jetzt sauf dich endlich tot, dann haben wir beide unsere Ruhe!" Nachher machte ich mir schreckliche Gewissensbisse. In einem späteren Gespräch bedankte sie sich mit den Worten: "Du hättest wenigstens ein Markenprodukt wählen können."

Auf Anraten der hilfsbereiten Suchtberaterin des Gesundheitsamtes machte meine Frau bald danach eine stationäre Entgiftung in einer Psychiatrischen Klinik mit einer Abteilung für Abhängigkranke in unserer Stadt. Sie brach die Behandlung nach neun Tagen mit einem Rückfall ab.

An einem Wochenende Anfang Februar 1989 hatte sie sich in einem Zustand der depressiven Selbstaufgabe so sehr betrunken, dass mit polizeilicher Unterstützung eine Zwangseinweisung zur stationären Entgiftung in der gleichen Klinik notwendig wurde. Auf eine geschlossene Unterbringung nach PsychKG-NRW wurde aber verzichtet. Sie blieb freiwillig bis zum Monatsende dort. Eine bereits vorher beantragte und bewilligte sechsmonatige stationäre Heilbehandlung als Maßnahme der medizinischen Rehabilitation in einer Fachklinik für suchtkranke Frauen im Oldenburger Land schloss sich unmittelbar daran an.

Diese so erfolgversprechende Alkohol-Entwöhnung meiner lieben Frau wollte ich tatkräftig unterstützen, indem ich ebenfalls freiwillig auf den Genuss von Alkohol konsequent verzichtete. Ich habe dies bis heute beibehalten und nicht bereut.

Ein halbes Jahr lang war ich nun alleinerziehender Vater von zwei Teeny-Mädchen und einem Jungen in der schwierigen Phase der Pubertät. Die beiden Jüngsten wurden in dieser Zeit konfirmiert. Das war ein Familienfest, bei dem nicht nur den Kindern die leibliche Mutter fehlte. Hinzu kamen für mich  alle 14 Tage Besuchsfahrten in die rund 130 km entfernte Klinik. Trotz tatkräftiger Hilfe durch die Schwiegermutter und manchmal auch durch den Rest der Verwandtschaft war ich oft ziemlich gestresst. Aber in der trügerischen Hoffnung, dass danach alles besser würde, ertrug ich gerne alle Strapazen. Der Strohhalm der Hoffnung wurde zum festen Balken - ja zum schwimmfähigen Floß - und das rettende Ufer der dauerhaften Abstinenz war zum Greifen nahe.

Leider konnte ich meine Frau Ende August nicht aus der Klinik abholen, weil mich ausgerechnet an dem Tag - augenscheinlich psychisch bedingte - migräneartige starke Kopfschmerzen ans Bett fesselten. Pucki konnte mir das nicht verzeihen und nahm diese (ihrer Meinung nach) vorsätzliche Gemeinheit fünf  Tage danach zum Anlass für den nächsten Rückfall .

Das kam so: Am ersten September-Wochenende 1989 wollte ich aus Zeitgründen liegengebliebene Gartenarbeiten nachholen, doch der Rasenmäher streikte. Als ich nach erfolglosen Reparaturversuchen total verschwitzt zum Mittagessen zurück in die Wohnung kam, saß mein Schatz besoffen in der Küche mit der fast geleerten Weinbrandflasche vor sich auf dem Tisch. Das brachte bei mir das Fass zum Überlaufen. Ich nahm kurzentschlossen - wörtlich - meinen Hut und ging. Ich konnte (oder wollte) zu dem Zeitpunkt keinen  noch so klitzekleinen Strohhalm der Hoffnung mehr entdecken. Seitdem leben wir getrennt.

Drei Monate hauste ich obdachlos bei Verwandten bis ich eine neue Unterkunft fand. In diese Zeit fiel auch meine letzte Krebsnachsorgekur im Sauerland. Kurantritt war am gleichen Tag, als in Berlin die innerdeutsche Mauer fiel. Diese Kur half mir, die Trennung zu verkraften und mich wieder an ein Single-Dasein zu gewöhnen.

Nach einer dreitägigen stationären Entgiftung in der schon bekannten Psychiatrischen Klinik in unserer Stadt im Oktober 1989 schaffte es Pucki nun alleine, ein halbes Jahr lang ihren Alkohol-Konsum unter Kontrolle zu behalten. Möglicherweise half ihr auch der ungewohnte Zwang zur Selbständigkeit, weil nun meine beschützende Hand fehlte. Doch die Familienbande waren damit aufgelöst und auch die Kinder verließen jetzt nach und nach die vaterlose Wohnung. Meine Frau blieb allein zurück und vereinsamte in den folgenden Jahren immer mehr.

Von Oktober 1992 bis Oktober 1994 wurde ich auf eigenen Wunsch von meinem Arbeitgeber zur Hilfe beim Aufbau der Kommunalverwaltungen in einem der "jungen" ostdeutschen Bundesländer "ausgeliehen". Alle vierzehn Tage bekam ich eine Familienheimfahrt bezahlt und konnte nachhause fahren. Doch wo war nun "zuhause"? In meine einsame Klause im Stadtzentrum mochte ich nicht. Dann hätte ich auch in Ostdeutschland bleiben können. Also besuchte ich fast jedes zweite Wochenende meine Frau und war wieder willkommen. Auch Pucki reiste mehrmals zu mir in die schöne Mark Brandenburg. So kamen wir uns durch eine größere räumliche Trennung von ca. 400 km menschlich wieder näher. Der Strohhalm der Hoffnung war wieder aufgetaucht.

Als Pucki wieder einmal für ein paar Tage zu mir kommen wollte, war sie vor Antritt der Reise so betrunken, dass die Fahrt mit der Eisenbahn bedenklich erschien. Die ältere unserer Töchter brachte sie trotzdem zum Bahnhof, half ihr beim Einsteigen und teilte mir telefonisch mit, in welchem Zug nach Berlin sie stecken würde. Ich war etwa eine Stunde vor dem vermuteten  Eintreffen des Zuges am Bahnhof Zoo, um die genaue Ankunftszeit zu erkunden. Dabei schaute ich zufällig in ein Wartehäuschen auf dem Bahnsteig. Dort hockte ein Häuflein Elend, blau bis zum Stehkragen und total verzweifelt mitten im großen Berlin. Sie war einen Zug früher gekommen wie vereinbart. Wir brauchten drei Tage zur häuslichen Entgiftung. Dann konnte sie wieder ohne Schwierigkeiten heim fahren. Ich blieb enttäuscht zurück.

Bald wurden auch die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Sucht so gravierend, dass Pucki im Mai/Juni 1993 zur Behandlung einer chron. rez. Pankreatitis (laienhaft ausgedrückt: unheilbare Bauchspeicheldrüsen-Entzündung) für vier Wochen in einem "normalen" Krankenhaus behandelt werden musste. Dort erklärten ihr die Mediziner, dass diese Krankheit in Verbindung mit dem Alkoholmissbrauch lebensbedrohlich werden könnte. Leider benutzte der Doktor dabei die Möglichkeitsform ("könnte"), was für meine Frau bedeutete, dass es ja nicht so sein "musste". Also meinte sie, ruhig weiter trinken zu dürfen. Das tat sie dann auch.

Zwischenzeitlich hatte ich unserer jüngeren Tochter mein Appartement für einige Zeit zur Verfügung gestellt. Deshalb zog ich, als ich im Oktober 1994 aus Brandenburg zurück kehrte, wieder ganz zu meiner Frau. Wir versuchten unsere eigene private Wiedervereinigung. Während dieser Zeit nahmen wir auch gemeinsam und regelmäßig an den Treffen einer Selbsthilfegruppe für Alkoholiker und Angehörige teil.

Dies ging auch lange Zeit gut, bis es Ende Januar 1996 erneut zur einer schlimmen Eskalation kam. Ich war in einem solchen desolaten psychischen Verfassung, dass ich meine Frau sogar körperlich züchtigte. Ich stand plötzlich neben mir, sah mich in der Rolle des brutalen, seine Ehefrau misshandelnden Monsters und fühlte mich sauelend dabei. Auf der Flucht vor mir selbst irrte ich danach durch die Straßen und entdeckte mich plötzlich verzweifelt an der Bahnsteigkante der Stadtbahn. Dort kämpfte ich mit dem Gedanken, mich einfach vor den Zug fallen zu lassen. Doch da stand wohl ein Schutzengel hinter mir. Der gab mir einen kräftigen Tritt in den A... und brachte mich wieder zur Besinnung. Da habe ich beschlossen, künftig mehr an mein eigenes Wohl zu denken.

Pucki wurde vom psychologischen Krisendienst vor ihrem aggressiven Ehemann in Sicherheit und wieder zur Entgiftung in die Psychiatrische Klinik gebracht. Sie blieb dort vier Monate. Jetzt lebte ich allein in der gemeinsamen Wohnung und besuchte meinen Schatz dort mehrmals wöchentlich. Wir brauchten beide viel Kraft, um uns wieder an den dünnen Strohhalm der Hoffnung klammern zu können.
 
 

Der lange Weg durch die Co-Abhängigkeit

Ende Mai 1996 begann für Pucki auf Empfehlung der behandelnden Ärzte eine Medizinische Rehabilitation (Langzeittherapie) in einer Landes-Fachklinik in einer Nachbarstadt. Doch auch während dieser Entwöhnungsbehandlung gab es zwei Rückfälle im Juli und August.

Die Besuche bei meiner Frau in diesem Haus nutzte ich zeitweise zur gleichzeitigen Teilnahme an einer von Mitarbeitern dieser Klinik betreuten Selbsthilfegruppe für Angehörige. Dort wurde mir klar, dass auch andere Leute genau die gleichen Probleme mit ihren suchtmittelkranken Familienmitgliedern hatten und wir Angehörigen statt nach Schuldzuweisungen zu fahnden uns lieber wieder auf unsere eigenen Bedürfnisse besinnen sollten.

Mitte November 1996, kurz vor dem offiziellen Ende dieser Therapie, brach meine Frau die Behandlung mit einem dritten Rückfall ab und brauchte somit anschließend gleich wieder eine Entgiftung in der heimatlichen Psychiatrischen Klinik, wo sie nun mit kurzen Unterbrechungen zum "Dauergast" wurde. Für mich bedeutete dies das "unwiderrufliche" Ende der häuslichen Gemeinschaft. Ich zog wieder zurück in meine Bude in der Innenstadt und wollte nichts mehr von dieser unverbesserlichen Schlampe hören und wissen. Ich beabsichtigte, meine Frau fallen zu lassen "wie eine faule Tomate" und fühlte mich gar nicht wohl dabei. Gab es noch einen Strohhalm der Hoffnung? Wo war er?

Auf einer schon vorher nur für mich gebuchten zweiwöchige Urlaubsreise über Weihnachten 1996 nach Tunesien stellte ich mir dauernd vor, wie schön es wäre, wenn Pucki jetzt neben mir im Flieger sitzen würde. Am Mittelmeer-Strand hielt ich im Geiste ihre Hand. Erst in der zweiten Woche unterlag ich den Reizen der exotischen Umgebung und konnte "abschalten".

Da nunmehr zu Puckis körperlichen Beeinträchtigungen schwere Depressionen mit erheblicher Suizidität (Selbstmord-Gefährdung) hinzu kamen, wurde ihr im Februar 1997 durch Gerichtsbeschluss eine Betreuerin zugewiesen. Zusätzlich erhielt sie eine Wiedereingliederungshilfe durch einen gemeinnützigen Betreuungsverein. Es folgten zwei weitere Entgiftungen und Puckis Umzug in eine kleinere Wohnung. Von all dem erfuhr ich nur durch Berichte der Kinder und quälte mich weiter mit Gewissensbissen. Der berühmte Strohhalm war abgesoffen.

Im Mai 1997 heiratete unsere älteste Tochter. Vor dem Standesamt traf ich meine Frau erstmals wieder. Hier wurde ich von ihrer Betreuerin gebeten, mich doch auch wieder mehr um Pucki zu kümmern, weil sich nun ihr Gesundheitszustand so verschlechtert hatte, dass sie ihren Haushalt kaum noch alleine bewältigen konnte. Zu den psychischen Folgeschäden der Suchterkrankung und der verschlimmerten chronischen Bauchspeicheldrüsenentzündung war eine toxische Polyneuropathie (Nervenentzündung in den Armen und Beinen) gekommen, so dass sie zeitweise nicht mehr ohne Gehhilfe laufen konnte.

Seit der Zeit half ich ihr im Haushalt und besuchte sie wie früher bei ihren wiederholten Klinikaufenthalten, gab jedoch diesmal meine eigene Wohnung nicht wieder auf. Ich hatte endlich einen Weg gefunden, wie ich meiner Pucki helfen konnte, ihre schweren, mehr oder weniger unheilbaren Behinderungen erträglich zu gestalten. War dies ein ganz neuer Strohhalm?

Bei einem meiner Besuche in der Klinik las ich am "Schwarzen Brett" der Station die Einladung eines Gesprächskreises für Angehörige. Diese (damals noch) von Mitarbeitern der Klinik begleitete Gruppe gab es erst seit Oktober 1996. Natürlich ging ich hin und gehörte schon bald zum festen Teilnehmerkreis. Hier war ich mit meinen Sorgen und Ängsten nicht mehr alleine. Leitsätze wie unten stehend prägten sich mir ein:

Es folgte eine ganze Serie von weiteren stationären und teilstationären Klinikaufenthalten meiner Frau. Ihre ganze noch vorhandene Energie benutzte sie für die Versuche zur Verwirklichung der depressiven Vorstellung, ihr Leben mit Hilfe des Alkohols beenden zu können.

Aber jetzt lernte ich in der Gruppe immer besser, dass ich meine geliebte Frau loslassen musste und sie dabei nicht fallenlassen durfte. Ich erkannte, dass es auch im Interesse meiner Partnerin geradezu meine Pflicht war (und ist), dass ich mein eigenes Wohlergehen nicht vergaß und deshalb etwas GUTES für mich selbst tun sollte.

Mitte Oktober 1998 hatte Pucki ihr Ziel beinahe erreicht. Nach einem Rückfall im Zusammenhang mit einem Suizid-Versuch (Alkoholspiegel über 4 Promille) holten sie die Ärzte in letzter Minute ins Leben zurück. Sie wachte auf der Intensivstation in einem Akutkrankenhaus wieder auf. Anschließend plagte sie wieder ein schmerzhafter Schub der Pankreatitis, wodurch bis Mitte Dezember die künstliche Ernährung über verschiedene Dauerkatheter notwendig wurde.

In den Tagen danach wurde die bestehende Suizidalität immer gravierender. Pucki war fest entschlossen, ihrem Leben mit Alkohol und Tabletten so bald wie möglich ein Ende zu setzen. Weil eine Behandlung auf freiwilliger Basis nicht mehr möglich war, wurde auf Antrag ihrer gesetzlichen Betreuerin eine längere geschlossene Unterbringung angeordnet. Trotzdem kam es immer wieder zu Rückfällen mit Alkohol als Mittel zum Suizid. Selbst die Ärzte gaben schon jede Hoffnung auf. Für mich gab es nur noch einen winzigen Strohhalm und ich teilte ihn mit Gleichgesinnten in der Angehörigen-Gruppe.

Ganz plötzlich kam bei Pucki nach Beginn einer antidepressiven Therapie mit entsprechenden Medikamenten und täglichen psychotherapeutischen Gesprächen mit einem fähigen jungen Mediziner zum Jahreswechsel 1998/99 endlich - für alle Beteiligten ganz unerwartet - die Wende. Auf einmal fand sie wieder Gefallen am Leben, kämpfte verbissen gegen den täglich wiederkehrenden Suchtdruck, suchte den Kontakt zu ihren Kindern und dem ersten Enkel und war zu Gesprächen über unsere partnerschaftlichen Probleme bereit. Und - oh Wunder - dieser neue Strohhalm hielt anscheinend.

Nachdem ich anfangs von der neuen Situation überrascht wurde, genoss ich nun jedes gemeinsame Wochenende und hatte garnichts dagegen, wenn mein Schatz sich Mühe gab, mich zu verwöhnen. Das waren für mich ganz ungewohnte Erfahrungen. Trotzdem verteidige ich mehr oder weniger konsequent meine Eigenständigkeit an den Wochentagen dazwischen. Der allwöchentliche Wechsel zwischen zwei grundverschiedenen Lebenskreisen war oft nicht einfach, doch hatte ich mich bald damit abgefunden. Von Freitag bis Sonntag war ich treusorgender Ehemann in der Stadtrandwohnung meiner geliebten Frau; von Montag bis Donnerstag genoss ich die Vorzüge eines Singledaseins in meinem Appartement im Stadtzentrum (mit Internet-Anschluss).

Pucki ging noch bis Juni 1999 freiwillig zur teilstationären Behandlung in die Klinik (d.h. tagsüber stationärer Klinikaufenthalt, abends nachhause) und nahm dann für ein halbes Jahr an einer ambulanten Ergotherapie teil. Ab Januar 2000 arbeitete sie drei Stunden täglich in einer Firma, die überwiegend schwervermittelbare Arbeitslose beschäftigt.

Weihnachten 2000 wurde ich Rentner und konnte Pucki dadurch in dringenden Fällen auch wochentags beistehen, sofern es nötig  war. Dabei war es für mich nach wie vor schwer, zwischen der notwendigen Fürsorge für eine kranke Partnerin und dem Rückfall in alte co-alkoholische Verhaltensweisen zu unterscheiden. Doch dieser Strohhalm war stark genug, um uns beide auf Dauer über Wasser zu halten.

Einen akuten Schub der Pankreatitis nach Alkohol-Missbrauch im März 2001 mit anschließender freiwilliger Behandlung in einem "normalen" Krankenhaus nahm ich als warnendes Zeichen, dass die Krankheit wohl immer gegenwärtig bleiben wird. Aber positiv ist zu vermerken, dass Pucki nun in der Lage war, Rückfälle zu steuern und sich in kritischen Situationen professionelle Hilfe zu holen.
 

 Ein grausamer Schicksalsschlag beendet das neue Glück

In der Folgezeit bekam Pucki ihre Alkoholabhängigkeit und die allmählich schwächer werdenden Schübe von Suchtdruck immer besser in den Griff. Deshalb konnten wir gemeinsam bedenkenlos für Weihnachten 2003 eine Urlaubsreise in die Südtürkei buchen, eine "Rundreise durch Kultur und Geschichte", wie der Veranstalter versprach. Um den damit verbundenen Strapazen gewachsen zu sein, fasste Pucki am 15. November 2003 den Entschluss, bis zum Ende dieser Reise nichts mehr zu trinken. Und sie schaffte es. Wir verlebten einen schönen und erlebnisreichen Urlaub, auch wenn es im Nachhinein eher eine "Rundreise haarscharf an Kultur und Geschichte vorbei" war. Auch zu Beginn des neuen Jahres konnte sie immer noch problemlos auf den Alkohol verzichten und merkte, wie gut ihr ein Leben in zufriedener Abstinenz tat.

Schon seit Herbst 2003 hatte Pucki ein merkwürdiges Druckgefühl im Brustkorb, das der Hausarzt als Folgen des langjährigen Alkoholmissbrauchs bagatellisierte. Als sie Ende März 2004 wegen einer schlimmen Magen-Darm-Infektion im Krankenhaus behandelt wurde, untersuchte man dort diese Schmerzen gleich mit und entdeckte einen bösartigen Tumor in der Lunge (Nicht kleinzelliges Bronchial-Carcinom des linken Lungen-Oberlappens), der viel zu spät erkannt wurde und nun schon zu groß für eine Operation war. Die Schmerzen kamen vom Druck des Krebsgeschwürs auf die Rippen. Es folgten vier Zyklen Chemotherapie mit lebensbedrohlichen Nebenwirkungen und danach eine zweimonatige Strahlen-Behandlung, leider alles ohne nennenswerte Erfolge. Pucki kämpfte jetzt tapfer und bewunderungswert gegen diesen neuen bösen Feind. Für mich war es selbstverständlich, dass ich ihr in dieser schweren Zeit ganztägig zur Seite stand. Nun klammerten wir uns gemeinsam an einen anderen Hoffnungs-Strohhalm. Aber dieser Strohhalm brannte lichterloh. Pucki verlor den Kampf am 24. Januar 2005. An diesem Tag wurde sie nachmittags noch einmal wach und lächelte mich an. Nachdem ich sie zärtlich geküsst hatte schlief sie glücklich wieder ein. Nur 10 Minuten später entschlief sie für immer. Ich werde sie tief in meinem Herzen bewahren.

Zum Abschluss möchte ich hier folgende These aufstellen:
Unbestritten ist, dass in der Regel suchtmittelabhängig Kranke dies für den Rest ihres Daseins bleiben, auch wenn sie es schaffen, einige Zeit zufrieden abstinent leben zu können, bzw. wenn sie die Fähigkeit erworben haben, mit der Droge umzugehen. Das gleiche gilt m.E. ganz genau so auch für uns co-abhängige Angehörige. Was wir auch unternehmen, der Rückfall ist für uns genau so die Regel und nicht die Ausnahme wie bei den direkt Betroffenen, auch wenn wir inzwischen gelernt haben, unse co-alkoholes Verhalten zu kontrollieren, d.h. loszulassen. Deshalb bekenne ich hier offen und stehe dazu, auch über Puckis Tod hinaus

Ich bin und bleibe weiter ein Co-Alkohol-Gefährdeter
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